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Stoff für Generationen

  • 14. Mai
  • 3 Min. Lesezeit




Kleider machen nicht nur Leute, sie repräsentieren sogar ­ganze Kulturen. Vom schottischen Kilt über das farbige Flamenco-Kleid aus Spanien – jedes Land hat sein Gewand. Genauso die Schweiz mit ihrer Tracht, besser gesagt mit ihren Trachten. Allein im Kanton Bern gibt es 70 regionale Gewänder, alle mit ihren ­eigenen Charakteristika. Auf der Spur der Schweizer Mode und ihrem ­Ursprung.


Text: Alice Stadler | Fotos: Alina Dubach, zVg Verein Schweizerisches Trachten- und Alphirtenfest Unspunnen


Foto: Alina Dubach


Viele haben eine grobe Vorstellung, was eine Tracht ist: schwarzes Kleid, bunte Schürze, Mieder … Doch es verbirgt sich nicht nur eine unglaubliche Vielfalt an Kombinationen, sondern auch beeindruckende, handgefertigte Details in diesen Mode­stücken. Das Gewand ist in der Schweiz nicht rechtlich geschützt, jedoch gibt es klare Richtlinien, was als Tracht gilt. Eva Orsinger ist seit 1991 ausgebildete Trachtenschneiderin und war während elf Jahren (bis zum 3. Mai 2026) Trachtenberaterin mit Fokus auf das Berner Mittelland. Zusammen mit weiteren Fachfrauen steht sie der Öffentlichkeit für Fragen und Unsicherheiten textiler Natur zur Verfügung. In Ordnern, kategorisiert nach Region, finden sich hunderte von Steckbriefen mit detaillierten Beschreibungen der Charakteristika der verschiedenen Gewänder – inklusive Stoffmustern. Entstanden ist dieses Referenzwerk aus den Bestrebungen, das Schweizer Kulturgut für die Nachwelt zu bewahren. Schneider:innen wie Träger:innen können damit in der richtigen Herstellungs- und Trageweise unterstützt werden.

Seit dem Abschluss ihres Diploms arbeitet Eva als Trachtenschneiderin mit eigenem Atelier. Bis heute ist sie ihrem Traumberuf treu geblieben – und das aus tiefstem Herzen. «Es gibt nichts Schöneres, als die Freude im Gesicht meiner Kund:innen zu sehen, wenn sie die neu hergerichteten Kleidungsstücke zum ersten Mal anprobieren», meint sie strahlend. Genau dieser Aspekt fasziniert sie seit jeher: Trachten überdauern Generationen. Grossmutters Tschöpli wird zum Brautkleid der Enkelin, die Familiengeschichte wird weitergegeben. «Mir ist klar, dass meine Arbeiten mich überdauern werden. Ein wunderschöner Gedanke», erklärt Eva gerührt, während ihr Blick über ihr Atelier schweift.

Ihr ist es ein Anliegen, dieses Kulturgut für die Nachwelt zu bewahren und ihre Freude am Tragen und Fertigen weiterzugeben. Hinter einer kompletten Ausstattung verstecken sich Stunden an Handarbeit: Für eine Neuanfertigung braucht Eva Orsinger 45 Stunden, 24 allein für das Mieder, das abgesehen vom Futtergestell von Hand genäht wird. Doch dann ist man erst stolze Besitzerin des Kleides, nicht etwa des filigranen Silberschmuckes oder der Rosshaarhaube, für diese benötigt es weitere Fachleute. Trotzdem ist es eine Garderobe, die sich mit minimalen Veränderungen seit Jahrhunderten bewährt. Um zu verstehen, warum das so ist, müssen wir zu ihrem Ursprung: ins tiefe Mittelalter.


Wer hat’s erfunden?

Lotti Schürch und Louise Witzig datieren in ihrem Buch «Trachten der Schweiz» (1978) das erste Aufkommen einer typischen Kleidung, die dem alltäglichen Leben für nicht-adelige gerecht wird, ins Mittelalter. Erst mit «wachsendem Standesbewusstsein und kommendem Wohlstand» im 18. Jahrhundert entstanden regionale Kleidungsstücke, die mit Stolz getragen wurden. Die Mundart sowie die Tracht verrieten die Heimat der Träger:innen. Deswegen erstaunt es kaum, dass die Schweiz, die neben vier Sprachen, unzählige Dialekte sowie abgeschlossene Dörfer und Gemeinden hat, eine faszinierende Vielfalt an regionalen Gewändern besitzt. Der wirtschaftliche Aufschwung liess das Handwerk florieren, wodurch die Trachten üppiger verziert wurden, wie etwa mit Stickereien oder Seidenstoffen. Hinzu kam der aufstrebende Tourismus, der dem Land nicht nur Wohlstand, sondern auch internationales Interesse an der Bauerntracht brachte. Ende des Jahrhunderts waren aus diesem Grund viele künstlerische Verewigungen in Umlauf.


Du findest den vollständigen Artikel in der gedruckten Zweitausgabe unseres Magazins «Aareluft, Mai 2026».


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