top of page

Selektiver Mutismus und ich

  • 14. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Alisha Walpen ist 23 Jahre alt, lebt in Thun und kann mit den meisten Menschen nicht sprechen. Selektiver ­Mutismus heisst das. Sie erzählt, wie diese Angststörung ihr Leben ­beeinflusst – und wie sie ­damit umgeht.


Text: Alisha Walpen | Fotos: zVg Alisha Walpen / Graziella Marti | Illustrationen: Anna Portmann


Foto: zVg Alisha Walpen / Graziella Marti


Es ist 2007 und ich bin vier Jahre alt. Ich stehe gemeinsam mit meiner Mutter und meiner Schwester im Supermarkt an der Kasse. Unsere Mutter bezahlt den Einkauf. Die Verkäuferin bietet meiner kleinen Schwester und mir ein Bonbon an. «Sagt danke oder legt es zurück», meinte Mama zu uns. Meine Schwester und ich legten das Bonbon zurück. In diesem Moment merkte meine Mutter, dass etwas nicht stimmte. Zuhause angekommen, recherchierte sie, wieso ihre Kinder nicht mit fremden Personen sprechen. Da stiess sie zum ersten Mal auf den Begriff «selektiver Mutismus». Ich bin Alisha und lebe inzwischen seit fast 19 Jahren mit dieser Angststörung. Seit einigen Jahren kommuniziere ich unter anderem über eine Text-to-Speech-App auf meinem Smartphone. Dazu später mehr.


Was ist selektiver Mutismus?

Selektiver Mutismus bezeichnet in der Kinder- und Jugendpsychiatrie eine emotional bedingte psychische Störung, bei der die sprachliche Kommunikation stark beeinträchtigt ist. Und weil der selektive Mutismus keine körperliche Ursache hat, funktionieren die Sprechorgane normal. Die Angststörung ist meist entweder durch selektives Sprechen nur mit bestimmten Personen oder nur in definierten Situationen gekennzeichnet.

Bei mir ist ersteres der Fall. Es kommt nicht darauf an, in welcher Situation ich stecke, sondern darauf, welchen Personen ich gegenüberstehe. Ich kann vor allem mit den Menschen sprechen, die mir am nächsten stehen – mit einigen Ausnahmen. Mit der Familie meines Freundes beispielsweise kann ich leider nicht sprechen, auch wenn ich ihnen sehr nahe stehe.


Die frühen Jahre

Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf im Seeland, nicht weit weg von Kerzers. Im Dorf kannten alle einander. Alle wussten, dass ich nicht mit allen sprechen konnte. Während der ersten paar Jahre in der Primarschule gelang es mir, mit den meisten aus meiner Klasse zu reden. Auch mit einigen Lehrpersonen hat es nach ein paar Monaten funktioniert.

Obwohl ich eine gute Schulzeit und tolle Freundinnen hatte, wurde ich von einigen Kindern gemobbt, weil ich anders war. Auch eine Lehrperson hatte grosse Schwierigkeiten im Umgang mit mir. Sie hat mich vor der Klasse blossgestellt, indem sie mich ohne Hilfsmittel einen Vortrag machen liess. Ich stand vor der Klasse und brachte kein Wort raus. Selbst nach einem ausführlichen Elterngespräch über die Situation kam ich oft weinend nach Hause. Von dieser Lehrperson wurde meine Klasse zum Glück nur ein Jahr lang unterrichtet.

Damals habe ich mit den Menschen, mit denen ich nicht sprechen konnte, noch mit Stift und Notizblock kommuniziert, was sehr viel Zeit in Anspruch genommen hat und deshalb umso mehr Geduld erforderte. Auch in der Orientierungsschule war das meine einzige Kommunikationsmöglichkeit. Ich wurde deshalb oft ausgeschlossen. Ich kannte dort so gut wie niemanden, da kaum jemand aus meiner alten Klasse in dieselbe Oberstufe wechselte. Da unsere Gemeinde gross war, konnten wir uns für eine von zwei Orientierungsschulen entscheiden; Kerzers oder Laupen. Kerzers war deutlich näher, weshalb es nicht einmal in Frage kam, nach Laupen in die Sekundarschule zu wechseln.


Traum versus Wirklichkeit

Ich stellte mir die Orientierungsschule immer wie die High Schools in amerikanischen Filmen vor: mit grossen Freundesgruppen und gemeinsamen Aktivitäten. Die Realität sah für mich jedoch anders aus. Es fiel mir schwer, neue Freundinnen zu finden, deshalb war ich oft allein in den Pausen. Auch bei Gruppenarbeiten wollte mich meistens niemand dabeihaben und so machte ich die Arbeiten oft allein. Anfangs habe ich oft versucht, mich anzupassen und auf Gruppen zuzugehen, stand dann aber trotzdem nur daneben wie ein kleines Mäuschen. Aus Angst, dass ich nicht dazugehörte, allein war und dann noch beobachtet wurde, entwickelte sich die Toilette zu meinem Rückzugsort. Dort verbrachte ich manchmal die Pause.



Du findest den vollständigen Artikel in der gedruckten Zweitausgabe unseres Magazins «Aareluft, Mai 2026».


Finde die aktuelle Ausgabe in deiner Nähe:


 Oder unterstütze uns mit einem Abo:



 
 
 

Kommentare


bottom of page