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«Musik umgeht den Kopf und fährt direkt in die Seele»

  • vor 2 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Von schnellem Rap über poppige Radio-Hits hin zu epischen ­Orchesterkonzerten – Musik ist für uns alle eine besondere Welt. Eine Welt, die Walter Bartlome kennt wie seinen eigenen Hand­rücken. Seit 40 Jahren arbeitet er im ZigZag Records in Thun – ein Laden, in dem wirklich alle finden, was sie suchen.


Text&Fotos: Rebekka Affolter | Illustrationen: Anna Portmann


Foto: Rebekka Affolter


«Guten Morgen Herr Meier (Name geändert)», grüsst Walter Bartlome den ersten Kunden des Tages. Den Grossteil seiner Kundschaft kennt der Inhaber von ZigZag Records beim Namen, weiss das Alter, kennt vielleicht ihren Wohnort und natürlich, welche Musik sie gerne hören. Die Spannweite ist gross: Für eine seiner jüngsten Kundinnen (16 Jahre) hat er gerade eine «Jackson 5»-Platte bestellt, während einer seiner ältesten Kunden (89) eine Schlager-CD für seinen Schwiegersohn suchte. «Wenn jemand kommt und ich kenne den Namen nicht, ist meine erste Frage immer: Sind Sie Tourist?», lacht Bartlome.

Immerhin ist der Laden effektiv nicht nur bei der Stammkundschaft beliebt. «Wir haben auch viele Besucher:innen, die einfach mal reinschauen wollen.» Auf einer Ladenfläche von 60 Quadratmeter finden sich fast 20 000 Platten, CDs und Kassetten. Eng in-, auf- und übereinander gestellt. Ein System, bei dem nur Bartlome den Überblick hat. «Ich bin quasi der Gegenentwurf zu Marie Kondo», schmunzelt der 61-Jährige. Das habe sogar eine Kundin einmal bestätigt. «Jemand, der eben den Prinzipien von Marie Kondo folgt, wollte bei mir mal aufs WC. Das befindet sich im Büro, das noch kleiner und noch zugestellter ist als der Laden. Sie drehte sofort um und meinte: Hier kann ich nicht durchlaufen.»


Walter Bartlome, der Inhaber des Musikladens ZigZag Records. Foto: Rebekka Affolter


Der Ursprung

Sein Laden befindet sich an der Unteren Hauptgasse in Thun. In den 70er-Jahren gegründet – das genaue Jahr sei unbekannt und soll auch so bleiben – wuchs der Laden gemeinsam mit den damals beliebten Italo-Diskotheken. Damals unter dem Namen Diskomarkt, Anfang der 80er-Jahren benannte der damalige Besitzer das Geschäft in Zigzag Records um. Ein Name, der bis heute Programm ist. Bei Bartlome findet sich queerbeet – oder eben im Zigzag – alle erdenklichen Genres. Hier geht niemand leer aus.

Bereits während seiner Zeit im Gymnasium arbeitete Bartlome im Geschäft, begann danach das Wirtschafts- und Rechtsstudium und brach es nach einer Lebenskrise wieder ab. Heute ist er dankbar dafür: «Dadurch habe ich meine Berufung gefunden. Beziehungsweise sie mich.» Nach dem abgebrochenen Studium erhielt er bei ZigZag Records eine feste Stelle. Und letzten Endes habe er im praktischen Alltag gelernt, was er zuvor studierte. «Hier lernte ich, ein Krämer zu sein.»

Der Laden liess ihn nicht mehr gehen. Aus einem Mitarbeiter wurde bald einmal der Geschäftsführer und 2014 dann der Inhaber. Wie es dazu kam? «Die Geschichte des Ladens – und meiner Arbeit hier – ist keine einfache», erzählt Bartlome. Während praktisch alle Menschen in irgendeiner Form Musik hören, machen das die meisten heutzutage nicht mehr in Form von CDs, Kassetten, geschweige denn auf Platten. Streaming-Diensten sei Dank.


Analog vs. Digital

Die Ära des Streaming begann vor über 20 Jahren. «Ab 2005 brachen unsere Umsätze wegen der Digitalisierung immer mehr ein», erinnert sich der Inhaber. «Dies, gemeinsam mit dem teuren Umbau im Jahr 2004 führte dazu, dass die damaligen Aktionäre das Geschäft schliessen wollten.» Für Bartlome hingegen kam das (damals) nicht in Frage. «Das Geschäft ist praktisch mein zweites Zuhause.» Er steht auf, kommt in den Laden, darf den Menschen Musik vermitteln und sich zudem mit ihnen über Gott und die Welt unterhalten.

Letzteres ist für ihn ein Teil dessen, was die Leute meinen, wenn sie sagen, dass sie die guten alten Zeiten vermissen. «Das persönliche ‹Gschäften›, das macht uns definitiv aus.» Sein Laden sei ein kleines Stückchen Thun seiner Kindheit. «Ich bin hier aufgewachsen und mein Vater kannte praktisch alle Thuner:innen persönlich. Beim ‹Lädelen› gehörte das Plaudern mit den Besitzer:innen dazu.» Genau dieses Gefühl sollen die Menschen im ZigZag Records haben. Wer nur still seine Produkte kaufen wolle, ohne mit irgendjemanden zu interagieren, sei hier am falschen Ort.

Um dieses Ideal – und natürlich seine Berufung – am Leben zu erhalten, entschied sich Bartlome, das Geschäft zu übernehmen. Eine Entscheidung, die er nie bereute, die aber zahlreiche Schwierigkeiten mit sich brachte. Zum einen musste er nun über Jahre hinweg die Schulden der Übernahme abzahlen. Zum anderen war das Geschäft 2018 zum ersten Mal nicht mehr rentabel. «Ein Moment, von dem ich wusste, dass er kommen würde», meint er. Einfach sei es deswegen noch lange nicht gewesen.


Ein System, in dem sich nur Walter Bartlome zurechtfindet. Foto: Rebekka Affolter


Alles hat ein Ende

Dank rigorosem Sparkurs und dem grossen Bestand an Ware konnte er das Geschäft über Wasser halten. Als im Jahr 2020 am Tage des Lockdowns die Bank jedoch einen Kredit ablehnte, hatte auch Bartlome das Ende erreicht. «An diesem Punkt habe ich mich entschieden, den Laden aufzugeben», gesteht er. Doch das Universum hatte andere Pläne: die Pandemie, geschlossene Läden, der komplette Lockdown. Plötzlich konnte Bartlome nicht mehr Konkurs anmelden, erhielt stattdessen wie alle Kleinunternehmen einen Corona-Kredit. Während die Welt stillstand, nahm für ZigZag Records die Platte wieder Schwung auf.

Was allerdings nicht bedeutet, dass Bartlome mit der Schliessung abgeschlossen hatte. Im 2022 kam der Moment, wo er wieder vor derselben Entscheidung stand. Als er begann seinen Stammkund:innen mitzuteilen, dass er das Geschäft aufgeben wolle, traf er ausnahmslos auf Entsetzen. Weshalb der leidenschaftliche Krämer beschloss: Eine Lösung muss her – und zwar eine gemeinsame. Er stellte den Förderverein ZigZag auf die Beine, der das Geschäft bis heute trägt. Rund 250 Mitglieder – längst nicht alles Stammkund:innen – halten den Laden am Leben.


Ein solch grosses und vor allem breites CD-Sortiment lässt sich sonst in keinem Laden finden. Foto: Rebekka Affolter


Viele Platten, noch mehr CDs

Er ist der letzte seiner Art; Plattenläden, in denen Neuheiten zu kaufen sind, gibt es laut Bartlome in der Schweiz aktuell noch rund 30. Dazu kommen die verschiedensten Secondhand-Plattenläden. Während Bartlome wahrscheinlich mit Platten den meisten Umsatz macht, hinken die CDs nicht weit hinterher. Ein CD-Laden mit einem so breitgefächerten Angebot wie bei ihm finde sich sonst nirgendwo mehr, ist er überzeugt.

Nicht zuletzt spiegelt das breite Sortiment auch die Interessen seiner Kundschaft wieder. «Ich versuche selbst, zu allem einen Zugang zu finden», erklärt der Musikliebhaber. Seit der 8. Klasse hört er passioniert Musik, «philosophische Spaziergänge mit Musik im Ohr» zählen noch immer zu seinen beliebtesten Entspannungsmethoden. Eine Heavy-Metal-Band könne ihn genauso berühren wie ein klassisches Konzert. Er ist überzeugt: «Egal, was du gerade brauchst – Musik hat immer die Antwort. Sie umgeht den Kopf und fährt direkt in die Seele.»


Ein Lagerfeuer zum Treffen und Entspannen

Während im Laden selbst über einen Streaming-Dienst Musik läuft – eine sorgfältig ausgewählte Playlist, die Bartlome getreu dem Motto «queerbeet» zusammenstellt – gibt es in seinem Zuhause hauptsächlich die Platten. «Ich hatte immer einen Plattenspieler und noch heute höre ich Musik vor allem darüber.» Das Vinyl herausnehmen, auf den Plattenteller setzen, die Nadel platzieren – hier wird aus einem Klick ein kleines Ritual. Wenn Bartlome Gäste begrüsst, finden sie sich früher oder später um das Musikgerät herum verteilt. «Der Plattenspieler erinnert in diesem Moment ein bisschen an ein Lagerfeuer, bei dem sich die Menschen treffen, um zusammen zu sein.»


«Die Känguru-Rebellion» ist das einzige Hörbuch, das im ZigZag Records zu finden ist. «Alles hier ist sorgfältig kuratiert», erklärt Bertlome. «Rebellion passt natürlich hervorragend [zu einem Plattenladen].» Foto: Rebekka Affolter


Neue Entwicklungen

Die einzige Musik, die weder in Bartlomes Leben noch in seinem Laden zu finden ist: KI-generierte Musik. «Für mich ist das, kurz gesagt, Musik mit einer schlechten Intention», erklärt er. Nicht unbedingt schlechte Musik, aber Musik, die nur zum Ziel habe, Geld zu verdienen. «Für mich ist Musik Kunst, sie verbindet Menschen, ist eine universelle Sprache, die alle verstehen.» Ist sie KI-generiert, schaffe sie es nicht, die Seele zu berühren.

Wer heute über einen Streaming-Dienst Musik hört und dem Algorithmus freien Lauf lässt, kann ihr kaum noch aus dem Weg gehen. Bartlome rät: Bewusst die Lieder aussuchen, die man hören will, eigene Playlists oder die Alben der Künster:innen hören. Etwas positives gewinnt Bartlome der musikalischen KI-Entwicklung allerdings doch ab: «Vielleicht wenden sich die Menschen dadurch wieder mehr den CDs oder Platten zu.» Eine Art Aufruf, wieder bewusster und aktiver Musik zu hören.


Die Zukunft der Musik

Wie Bartlome also die Zukunft sieht? «Ich bin mir sicher: Ein Laden wie meiner hat nach wie vor Berechtigung.» Platten erlebten bereits einen Aufschwung, die gleiche Entwicklung sieht Bartlome zukünftig auch bei den CDs. «Japan ist hier bereits einer der Vorreiter. Sie produzieren wahnsinnig viele CDs, haben einen grossen Katalog von neuer und alter Musik.» Europa hinke da noch etwas hinterher. Wer alte CDs kaufen will, muss je nachdem lange suchen – oder Bartlome suchen lassen.

Für ihn auf jeden Fall klar: Solange sein Laden überleben kann, wird er ihn weiterführen. «Für mich gibt es nichts Sinnstiftenderes, als Menschen Musik verkaufen zu können, ihnen mit der richtigen Musik eine Freude zu machen.» Bartlomes Berufung, die ihn gefunden hat und die er nicht so einfach hergeben wird.


In Walter Bartlomes Laden finden sich auch zahlreiche Schweizer Musiker:innen – wie zum Beispiel The Delta Magpie. Foto: Rebekka Affolter




 
 
 

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