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Ein Ökosystem im Zusammenbruch

Aktualisiert: 19. Jan.


Ein Biss in einen saftigen Apfel, der süssliche Duft reifer Erdbeeren in der Nase oder eine knackige ­Gurke auf dem Pausenbrot – was wäre der Sommer ohne Früchte und Gemüse? Essenziell für diese ­Nahrungsvielfalt sind die fleissigen Bienen, insbesondere die häufig vergessenen Wildbienen. Warum ein derart wichtiges Insekt für lange Zeit unsichtbar war und ­wieso wir jetzt aktiv ­werden müssen.


Text: Alice Stadler | Fotos: zVg Regina Lenz (Parc Elau) / Sarah Grossenbacher (BienenSchweiz) / Wildbiene+Partner | Illustrationen: Anna Portmann


Foto: Sarah Grossenbacher (BienenSchweiz)


Mit dem Film «More than Honey» (2012) wurde der Begriff «Bienensterben» in die breite Öffentlichkeit katapultiert. Im Fokus steht die Honigbiene mit ihrer wichtigen Rolle als Bestäuberin. Veränderungen in der Umwelt, landwirtschaftliche Aspekte und invasive Parasiten bedrohen bis heute ihre Existenz. Doch nicht nur ihre. Weitaus drastischer trifft es ihre Verwandten: die Wildbienen. Ein umgangssprachlicher Begriff für nicht-domestizierte und somit «wild» belassene Bienenarten.

Während Imker:innen systematisch Daten über die fliegende Honigproduzentin erheben und ihre Populationen kontrollieren, fehlte ein solcher Überblick bei anderen Arten. Ein Umstand, der dazu führt, dass erst seit jüngster Zeit ihre prekäre Lage greifbar wurde. 1995 entstand die erste rote Liste der gefährdeten Wildbienenarten der Schweiz im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (BAFU). Das Resultat war erschreckend: 45 % der rund 600 Arten sind in ihrer Existenz bedroht, 60 Arten gelten bereits als ausgestorben. Zahlen, die 2026 leider noch aktuell sind.


Ein Tod mit Konsequenzen

Ihr zunehmendes Verschwinden hat schwerwiegende Folgen für unser Ökosystem und nicht zuletzt für unsere Ernährung. Der deutsche Saft-Hersteller Voekel zeigte dies in seinem Aprilscherz von 2025 eindrücklich auf, als er die Job-Annonce «Bestäuberin gesucht» publizierte. Gedacht als Gag ist dies in einigen chinesischen Ortschaften bereits Realität. Dort müssen Obstbäume von Menschenhand bestäubt werden, wie bei «More than Honey» gezeigt wird. Die manuelle Technik ist den Insekten jedoch weit unterlegen. Von Bienen bestäubte Pflanzen liefern laut BAFU einen höheren Ertrag – besonders bei einer Mehrfachbestäubung durch unterschiedliche Arten. Egal ob Käfer, Schwebfliege oder Biene – ihre Strategie zur Nektargewinnung ist auf ihre Anatomie abgestimmt. Zusammen ergänzen sie einander und tragen zu einer umfassenden Bestäubung und somit zum Erhalt der Biodiversität bei.

Nicht nur Kulturpflanzen werden von Insekten bestäubt, sondern auch Wildblüten. Während die Honigbiene aus beinahe allen Blüten Nektar beziehen kann, ist die Wildbiene meist spezialisiert auf eine einzige Pflanze. Für Tier wie Gewächs entsteht eine essenzielle Symbiose. Ihr Überleben hängt von der gegenseitigen Existenz ab. In unseren Augen kleine Eingriffe in einen Lebensraum können für ein solches Paar das Ende bedeuten.


Ursachenforschung

Unsere Umwelt hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert – und das nachteilig für Insekten. Immer mehr Grünflächen wurden durch Beton ersetzt. Die Bewirtschaftung ganzer Felder mit Monokulturen entzieht den Wildbienen den Platz für ihre Futterpflanzen. Düngemittel verändern die Bodenzusammensetzung, sodass wichtige Wiesenpflanzen nicht mehr wachsen können und Bodennister aus ihrem Lebensraum vertrieben werden. Auch Pflanzenschutzmittel sowie Pestizide sind in kleinsten Dosen tödlich für die Flieger. Mittlerweile ist ihr Gebrauch stark reguliert, doch der Boden vergisst nicht. Rückstände können je nach Stoff Jahre später nachgewiesen werden, zeigen Studien des BAFU. Dies trifft die Wildbienen besonders stark: 75 % sind Bodennister.

Genauso problematisch ist der aktuelle Gartenbau-Trend, Wiesen durch Steingärten zu ersetzen. Bienen sind auf nektarhaltige Pflanzen angewiesen, die wilden Arten besonders. Denn diese werden nicht wie die Honigbiene von Imker:innen zusätzlich mit Futter versorgt. Eine homogene, kurzgeschnittene Rasenfläche nützt den Nektarliebenden nichts. Dadurch verdrängen wir die Insektenwelt aus unseren Siedlungen, während wir weiterhin Obst und Gemüse essen möchten. Nur durch den Erhalt der Biodiversität können Lebensräume für Spezialistinnen wie Wildbienen erhalten bleiben. Dazu müssen wir wissen, wie die unterschiedlichen Arten leben.


Eine Familie, zig Lebensweisen

Die meisten Wildbienen sind Einzelgängerinnen. Wildbienen leben nur wenige Wochen, in denen sie sich fortpflanzen und Vorrat für die nächste Generation sammeln. Je nach Art beginnen die kleinen Flugakrobaten mit den ersten milden Temperaturen der Frühlingsmonate zu fliegen. Mit dem aufkommenden Frost im Herbst sterben auch die Spätflieger. Nur die Brutzellen überwintern in den gebauten Nestern mit dem gesammelten Vorrat. Einzelne Arten überwintern als ausgewachsene Biene in Stängeln oder Ritzen. Da jede Bienenart ihre bestimmte Flugzeit hat, ist es wichtig, dass von Frühling bis Herbst ein breites Nahrungsangebot vorhanden ist ...



Du findest den vollständigen Artikel in der gedruckten Erstausgabe unseres Magazins «Aareluft, Februar 2026».


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