Wo Kopf und Bauch sich treffen
- 14. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Die einen fällen sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Die anderen kauen Tage und Monate darauf herum. Für die einen sind sie Kopfsache, andere konsultieren ihren Bauch. Wir alle treffen sie täglich. Entscheidungen. Wie wir sie fällen, wann wir vorsichtig sein sollten und wie wir besser mit ihnen umgehen können – eine persönliche Auseinandersetzung.
Text: Alina Dubach | Fotos: Alina Dubach, Michael Ammann, zVg | Illustrationen: Anna Portmann

Foto: Alina Dubach, Michael Ammann, zVg
Kaffee oder Tee? Eine neue Stelle antreten oder die alte behalten? Für die Beziehung kämpfen oder das Ende akzeptieren? Die Benachrichtigung von Instagram lesen? Die Email aufmachen, die gerade eingetrudelt ist? Und die Frage aller Fragen für viele Paare: Welche Streamingplattform nutzen wir heute und was schauen wir?
Der Neurowissenschaftler und Psychologe Lutz Jäncke, wohnhaft in Zürich, ist emeritierter Professor der Universität Zürich. Was in unserem Gehirn passiert, wenn wir Entscheidungen treffen, erklärt er so: «Unser Gehirn entscheidet nicht objektiv, es interpretiert die Welt auf der Basis unserer Erfahrungen. Daran beteiligt sind vor allem drei Systeme: der präfrontale Kortex ist zuständig für abwägen, planen – das Langsame. Das limbische System erledigt das Schnelle wie Emotionen und Bewertungen. Und die Basalganglien, die die Handlung schliesslich umsetzen.»
Dieses komplexe Zusammenspiel durchlaufen wir täglich, sogar mehrfach pro Minute. Der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel hat berechnet, dass ein Mensch täglich etwa 20 000 Entscheidungen trifft, die meisten davon blitzschnell und unbewusst. Gehen wir davon aus, dass wir täglich acht Stunden mit Schlafen verbringen, sind das mindestens 1250 Entscheidungen pro Stunde. Etwas mehr als 20 pro Minute. Die meisten davon nehmen wir nicht bewusst wahr. Doch sie fordern etwas von uns. Mentale Energie.
Mein Verhältnis zu Entscheidungen kann ich bestenfalls als wechselhaft beschreiben. Lange Zeit war ich stolz darauf, dass ich mich nicht zu lange mit ihnen herumschlug, einfach «mal machte» und so in Bewegung blieb. Irgendwann verlor ich das Vertrauen in meine Methode. Zu oft bin ich – gefühlt – falsch abgebogen. Ein Rat, den ich oft hörte: «Hör auf dein Bauchgefühl.» Das stellte mich vor ein grosses Problem. Mein Bauch schweigt seit meiner Teeniezeit mit quälender Regelmässigkeit. Was haben Entscheidungen an sich, dass sie uns praktisch lähmen können?
Die Weggabelungen im Leben
Beginnen wir bei den Grundlagen. Steven Schüller ist Mental Trainer und Coach, wohnhaft in Belp. Er definiert Entscheidungen so: «Momente im Leben, an denen wir eine Wahl treffen müssen. Wir können nicht nicht wählen. Dann wird uns die Wahl irgendwann abgenommen, von aussen, vom Leben.» Wenn wir einen Entschluss fällen, entscheiden wir uns nicht nur für etwas, sondern auch gegen etwas anderes. Wir beziehen Position. Vor uns selbst, wie vor unserem Umfeld.
Wenn ich mit meinem Partner im Restaurant sitze, läuft das meistens ähnlich ab: Er weiss nach einmal Durchlesen der Karte, was seine Vorspeise und Hauptgang sind, manchmal wählt er sogar schon das Dessert. Ich wiederum sitze da und bin zwischen zwei Möglichkeiten hin und her gerissen. In dem Moment fühlt sich dieses «entweder oder» an, als müsste ich für die nächsten paar Jahre wählen. Die gefühlte Tragweite meiner Entscheidung hat mit der Realität wenig zu tun.
Gemäss Steven Schüller gibt es verschiedene Auslöser, die einen Entschluss erschweren, die über die simple Furcht, die falsche Entscheidung zu treffen hinaus gehen: Die soziale Angst, von der Gruppe ausgestossen zu werden aufgrund der Entscheidung, die Angst durch die Entscheidung einen Verlust zu erleiden (in meinem Fall wohl, die feinere Speise zu verpassen), Prägungen aus der Kindheit und Voreingenommenheit aus früheren Ergebnissen. «Wir haben immer dann Mühe, ein Urteil zu treffen, wenn zu starke Emotionen im Spiel sind», so der Coach. Erschwerend hinzu kommen Faktoren wie Stress, Zeitdruck, zu wenig Schlaf, kognitive Überlastung aus Multitasking, Dauerbeschallung durch Pushnachrichten oder soziale Medien – die Liste ist nicht abschliessend.
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