Der Kampf um unsere Aufmerksamkeit
- Rebekka Affolter
- 1. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Jan.
Aus Buchstaben werden Wörter, werden Sätze, werden Seiten, werden Kapitel, werden Bücher, werden Bilder in unserem Kopf. Mehr als nur Bilder: Emotionen, neue Denkweisen, neue Überzeugungen. Lesen ist für unser Gehirn, was ein Workout für unseren Körper ist. Was das genau heisst und warum Bildschirme Bücher nicht ersetzen können.
Text: Rebekka Affolter | Fotos: Alina Dubach, Jonas Cosandey, Rebekka Affolter | Illustrationen: Anna Portmann

Foto: Alina Dubach
Stundenlang in eine andere Welt versinken, die es nur auf dem Papier gibt. Die eigenen Sorgen und Ängste in der Realität zurücklassen, sich komplett anderen Problemen (und vor allem nicht den eigenen) hingeben – das ist Lesen für mich. Bereits als kleiner Bücherwurm habe ich meine Nase lieber in den Seiten vergraben, als mich mit der Welt um mich herum zu beschäftigen. Noch heute lese ich – aber nicht mehr so wie früher. Schwer in Worte zu fassen, jede Leseratte kennt jedoch das Gefühl.
Der Täter
Die Schuld an dieser – zumindest für mich – negativen Entwicklung ist schnell gefunden: Social Media. Lesen braucht Aufmerksamkeit, Social Media tötet sie. Beim Lesen wird das Hirn ruhig, auf Social Media kriegt es sich kaum noch ein. Bei jeder noch so kleinen Scroll-Bewegung schüttet es Dopamin aus und schreit nur so «Belohnung, Belohnung, Belohnung!»
Jeder passionierte Binge-Scroller denkt sich: «Nur noch einen Swipe». Erst eine Stunde später schaltet das Hirn wieder ein.
Das Opfer
Und dieses ist nicht gerade begeistert von dieser Entwicklung. Zahlreiche Studien zeigen: Binge-Scrolling verkürzt die Aufmerksamkeitsspanne, die mentale Gesundheit leidet häufig auch. Barbara Studer, Neurowissenschaftlerin, Gründerin der Hirncoach AG und Autorin des Buchs Hirnpower, erklärt: «Der ständige Kontextwechsel, der heutzutage auf den Sozialen Medien dominiert, aktiviert das Salienznetzwerk und Belohnungssystem.»
Ersteres ist ein Areal in unserem Hirn, das sehr reizorientiert ist und dadurch auf Social Media besonders glücklich wird. Immerhin sind die minuten- bis sogar sekundenweise unterschiedlichen Videos Reizüberflutung schlechthin. «Zudem sind die Inhalte oft emotional überladen. Diese Intensität aktiviert das Belohnungsfeedback.» Kurz: Ohne grossen Aufwand schüttet unser Gehirn konstant Glückshormone aus.
Der Gegenpol
Lesen ist das komplette Gegenteil zu Social Media. «Beim Lesen werden alle fünf Hauptlappen in unserem Gehirn aktiviert – also ein richtiges Workout für unseren Denkapparat», so Studer. Allem voran stehen – wenig überraschend – sprachliche Prozesse. Wir lernen mehr Vokabular, wir sehen Wörter und müssen sie in unserem Kopf der richtigen Bedeutung zuordnen. Neben dem sprachlichen Training ist Lesen auch für den Rest des Hirns eine wichtige Übung: «Die Aktivität braucht Aufmerksamkeit, Vorstellungskraft, vernetztes Denken, fördert das Kurzzeitgedächtnis und verlangt Impulskontrolle.»
Stopp, stopp, stopp. Eines nach dem anderen. Während wir beim Scrollen in den Tiefen des Internets von einem Kontext zum nächsten springen, braucht ein Buch Ausdauer. Ausser bei einem Kurzgeschichtenband behandelt der Text über mehrere hundert Seiten das gleiche Thema, die gleiche Geschichte. Wer jeden Satz isoliert liest, versteht am Ende gar nichts. «Das Aufmerksamkeitsnetzwerk ist eines der wichtigsten, das beim Lesen aktiviert wird», erklärt Studer.
Eng verbunden mit der Aufmerksamkeit ist die Impulskontrolle. Bei Social Media folgt das Hirn dem nächstbesten Stimulus, wird ein Video langweilig, ist das nächste nur eine kleine Daumenbewegung entfernt. «Während hier das Hirn einer Reizüberflutung ausgesetzt ist, muss es sich beim Lesen auf eine einzige Reizquelle konzentrieren.» Multitasking ist hier nicht angesagt. Egal, was wir gerade machen, um uns herum sind hunderte Reize, die unser Gehirn ablenken wollen: der Geruch vom Essen, das die Nachbarn gerade kochen, der bellende Hund auf der anderen Strassenseite und eben das Handy, das bereits zum dritten Mal vibriert. Wer lesen will, muss lernen, sich nicht von diesen Stimuli ablenken zu lassen. Hier mache auch das Lesen auf dem Bildschirm einen grossen Unterschied, meint Studer. Dazu kommen wir noch.
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