Wenn der Esstisch denken könnte
- 3. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 24. März
Kolumne

Fast überall gehört er zur Standardeinrichtung – der Esstisch. Manchmal Küchentisch genannt. Oder einfach: Tisch. Kaum ein Möbelstück ist so vielseitig – und so unterschätzt. Er ist Bühne, Treffpunkt, Ruhepol und stiller Zeuge des Alltags.
Die Essenszeiten sind stürmisch. Wobei klar eine Rolle spielt, wem der Tisch gehört. In Haushalten mit ein oder zwei Personen wird das Frühstück oft übersprungen oder zwischen Zug, Bus und im Auto hastig verzehrt. Esskultur lässt grüssen. Bei Familien dominiert das morgendliche Chaos. Der Tisch ist überstellt mit Nutella, Brot, heissem Kakao, irgendwo steht ein Kaffee für die Eltern, und – wenn’s gut läuft – finden sich Müesli und Gläser mit Orangen- oder Multivitaminsaft.
«Irgendjemand wird die Unordnung wegräumen und mich schon wieder sauber machen.», würde der Tisch denken. Und tatsächlich: Es wird aufgeräumt. Doch kaum ist die Oberfläche frei, landen Laptop, Handy, Kaffee und diverse Unterlagen auf ihm. «Aha, ich bin heute also auch Bürotisch», würde er kommentieren – nicht ohne eine gewisse Ironie.
Während des Tages verändert sich die Rolle des Tisches ständig. Bei Ein- oder Zwei-Personen-Haushalten bleibt der Tisch häufig den ganzen Tag ungenutzt – gegessen wird auswärts, gearbeitet sowieso. Bei Familien beginnt
kurz vor Mittag oft die zweite Runde des Alltagschaos, bevor eins nach dem anderen die Wohnung fluchtartig wieder verlässt. Zurück bleibt der Esstisch, der sich nach einer entspannten Atmosphäre sehnt – für alle, die ihn mit ihren Ellenbogen drücken.
Am Wochenende oder an freien Nachmittagen wird der Tisch zum Zentrum für Gespräche, Hausaufgaben, Bastelstunden, Näharbeiten und was sonst alles Platz braucht. Die Kinder erzählen von der Schule, die Eltern von der Arbeit, der Politik oder dem Wetter. Der Tisch hört zu – geduldig, wortlos, aber stets präsent.
Und am Abend? Eigentlich wollen alle nur noch entspannen. Eigentlich. Denn da sind noch Trainings, Vereinsaktivitäten, Treffen mit Freunden, kulturelle Besuche und was weiss ich sonst noch. Der Esstisch wird immer wieder zur
Schnellverpflegungsstation. «All you can eat» – jeder holt sich etwas aus dem Kühlschrank, verschlingt es in Windeseile und verschwindet wieder.
Das bescheidene Möbelstück steht also bei allen auf irgendeine Art täglich im Mittelpunkt. Vielleicht sollten wir ihm etwas mehr Aufmerksamkeit schenken. Mehr Zeit. Mehr Fokus auf das gemütliche Miteinander. Und auch darauf, dass die Mahlzeiten, die auf ihm landen, nährstoffreich und lecker sein dürfen – oder sollten.
Denn der Tisch weiss: Ein Tag kann so vieles sein. Ein Montagmorgen mit Müesli und To-do-Listen, ein Mittwochabend mit dampfender Kürbissuppe und Kerzenlicht, ein Samstag mit frischem Zopf, Zeitung und Zeit. Manchmal ist er Bühne für hitzige Diskussionen, manchmal Rückzugsort
für stille Gedanken. Und manchmal einfach nur
ein Ort, an dem jemand genussvoll ein Stück Schokolade isst – ganz allein, ganz bewusst.
Der Tisch trägt all das mit Würde. Er erinnert sich an Geburtstagskuchen, an die ersten Babybreie, an das Glas Wein nach einem langen Tag. Er kennt die Geschichten, die zwischen Gabel und Messer erzählt werden, und die stillen Momente, in denen einfach nur genossen wird.
Vielleicht ist es Zeit, ihn wieder als das zu sehen, was er wirklich ist: ein Ort des Lebens. Ein Ort des Genusses. Ein Ort, der uns verbindet – Tag für Tag.
Sonja Ammeter
Dipl. Ernährungs-Coach & Gründerin Sporternährungs-Coach CH



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