Was wäre, wenn ...?
- 14. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Kolumne: Äs chunt druf aa

Es gibt Momente, die kommen still daher und andere, die machen sich ohne Vorwarnung bemerkbar. Manche wirken bedeutungslos, bis wir später merken, dass sie eine ganze Richtung verändert haben. Und oft spüren wir erst im Rückblick, wie viel sie wahrlich mit uns gemacht haben.
Eigentlich beginnt alles schon bei der Muttermilch oder spätestens beim Babybrei. Mag ich oder mag ich nicht. So unscheinbar, so klar. Später werden uns gut gemeinte Empfehlungen serviert, deren Sinn wir damals kaum verstehen konnten. «Warum in aller Welt sollte ich jetzt ein oranges, langes, hartes Gemüse namens Rüebli essen ...» Irgendwie gehören sie wohl trotzdem dazu.
Dann kommt der erste Schultag. Mit einer zu grossen Tüte auf dem Arm, einem poppigen Rucksack am Rücken und, wenn möglich, blinkenden Turnschuhen, zotteln die Sprösslinge mit den überaus stolzen Eltern zum Schulhof. Dort wird uns eine erste «End» «Scheidung» auferlegt. «Fertig luschtig mit Rumtoben, Kindsein und einfach Sein ...» Der Ernst des Lebens steht bereit, fein säuberlich sortiert und mit strenger Miene.
Die Jahre verstreichen und das, was uns immer wieder begegnet, bleibt treu an unserer Seite. Es taucht in regelmässigen Abständen auf, manchmal leise, manchmal hartnäckig. «Mach vorwärts, du musst dich entscheiden», hören wir oft. Und irgendwann kommen die inneren Stimmen dazu. «Ach, hätte ich doch damals besser ...» oder «Mir wäre das nicht passiert, wenn ich ...» Unser Leben wäre, genau genommen, ein ganzes Sammelsurium aus würde, hätte, wäre.
Schauen wir das Wort einmal genau an. Von etwas müssen oder wollen wir uns verabschieden, also End. Doch warum sapperlot heisst es dann Scheidung. Bildlich könnte man sich eine Weggabelung vorstellen. Links das Bekannte, rechts das Neue, und irgendwo dazwischen unser Bauchgefühl, das manchmal flüstert und manchmal schweigt. Schicksal mischt oft «ghörig» mit.
Menschen, die viel zu tragen hatten, gelten als stark. Doch kaum jemand weiss, wie schwer ihre Last wirklich war. Bejubelt werden jene, die scheinbar etwas erreicht haben, mit was auch immer sie steinreich wurden. Eine Ziellinie als erste Person überquerten, auf dem Mond standen oder als grösste Ganov:innen in die Geschichte eingingen.
Und nun zurück zur Frage: Was wäre, wenn?
Wenn wir auf einer grünen Wiese stehen würden, ohne Erwartungen, ohne «du musst», ohne all die unsichtbaren Grenzen, die wir uns selbst setzen. Mit genügend Geld, unendlich viel Zeit und Fähigkeiten für alles, was wir möchten. Welche Wege würden wir einschlagen? Würden wir mutig losgehen oder erst einmal stehen bleiben und schauen, wie sich alles anfühlt?
«Äs chunt äbe druf aa.» Kein Mensch ist wie der andere. EinzigARTige Wesen, geprägt von Fähigkeiten, Bedürfnissen, Träumen, Möglichkeiten, Mut, Ängsten und Unschlüssigkeiten. Einige träumten schon als Kind von ihrem Traumberuf. Andere werden pensioniert und haben ihn nie gefunden, dafür aber vieles andere, das ihnen unterwegs wichtig geworden ist.
Ein fiktives Beispiel: Kürzlich wurde in den Nachrichten über ein Unglück berichtet. Ein Flugzeug stürzte ab, alle Passagiere und die Crew kamen dabei ums Leben. Familie Michel wollte eigentlich genau auf diesem Flug sein. Doch am Morgen war der Kleinsten so übel, dass die Eltern entschieden, erst am nächsten Tag zu reisen. Etwas so Unangenehmes wie Übelkeit rettete einer ganzen Familie das Leben. Vielleicht zeigt uns das, dass nicht alles, was sich unangenehm anfühlt, automatisch schlecht ist.
Es kommt eben darauf an, ob etwas grosse Folgen hat oder ob es nur ein kleiner, harmloser Begleiter ist, der im Lebensspiel mitwirken möchte. Geniessen wir das Heute, seien wir dankbar für das Gestern und freuen uns auf das Morgen.
Mögen uns unsere Wege, Umwege und «End Scheidungen» vorwärtsbringen, uns dienen, um zu reflektieren, zu lernen und an Erfahrungen zu wachsen. Und vielleicht, irgendwann – mit grauen, weissen oder gar keinen Haaren – spüren wir, dass wir längst viel weiser sind, als wir uns je zugetraut hätten.
Sonja Ammeter
Dipl. Ernährungs-Coach & Gründerin Sporternährungs-Coach CH



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