Alles eine Frage des Blickwinkels
- 28. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Kolumne: Äs chunt druf aa

Aus den Poren der Stirn kämpfen sich einzelne Schweisstropfen und scheinen eine ganze Mannschaft mit sich zu ziehen. Jeder einzelne Nerv durchlebt ein kleines Beben und plötzlich wird spürbar, wie viele Muskelgruppen gleichzeitig zu zittern beginnen können. Eine Art Ohnmacht breitet sich aus, Kälte durchflutet den ganzen Körper. Fragen und mögliche Antworten blitzen durch den Kopf.
Stehen bleiben. Davonrennen. Aushalten und so tun, als wäre nichts gewesen.
Solche körperlichen und seelischen Reaktionen können bereits beim Gedanken entstehen, jemanden ansprechen zu müssen, ein Telefonat zu führen oder vor einer wichtigen Entscheidung zu stehen. Sie tauchen auf, wenn es darum geht, welche Nahrungsmittel und Mengen gegessen werden sollen, wenn man auf einem schmalen Grat wie festgewurzelt stehen bleibt oder an einer Startlinie wartet, ohne zu wissen, ob man das Ziel erreichen wird. Sie zeigen sich auch dann, wenn die Angst vor der Meinung anderer präsent ist oder wenn man versucht, allen und allem gerecht zu werden.
Angst kann vieles sein. Manchmal ist sie ein guter Freund, ein Ratgeber, ein leiser Informant. Gleichzeitig kann sie uns den Verstand rauben, uns verunsichern und uns die Leichtigkeit nehmen. Manchmal ist sie einfach zu anhänglich.
Doch wie gehen wir damit um?
Sollten wir sie denn überhaupt loswerden?
Vielleicht ist es gar nicht immer sinnvoll, sie vertreiben zu wollen. Denn diese innere Stimme flüstert uns auch zu, vorsichtig zu sein, Grenzen zu respektieren und uns vor möglichen Gefahren zu schützen. Oft ist es genau dieses Bauchgefühl, das uns die richtige Richtung zeigt. Wie oft hat es uns schon vor Entscheidungen bewahrt, die wir später bereut hätten.
«Äs chunt äbe druf aa.»
Nimm meine Augen und schau hindurch. Es ist oft eine Frage des Blickwinkels. Täglich meistern wir unzählige Situationen. Was den einen Angst macht, lässt andere völlig unberührt. Manchmal können sie sich nicht einmal vorstellen, dass genau diese Situation für jemand anderen herausfordernd sein könnte. So entstehen schnell Aussagen wie: «Stell dich nicht so an, das ist doch einfach.»
Doch genau darin liegt der Unterschied.
Jeder Mensch erlebt Situationen aus seiner eigenen Perspektive. Oft hilft es, das «Warum» hinter der Angst zu verstehen. Vorausgesetzt, es ist uns wichtig genug, uns damit auseinanderzusetzen. In dem Moment, in dem wir beginnen hinzuschauen, kann sich Angst verändern. Sie kann von einem lähmenden Gefühl zu einer Orientierungshilfe werden. Es braucht Mut, diesen ersten Schritt zu machen. Aber mit der richtigen Unterstützung kann dieser Weg sogar Freude bereiten. Fortschritte werden sichtbar, kleine Erfolge spürbar und genau darin liegt eine enorme Kraft.
Gerade in solchen Momenten ist es so wertvoll, wenn wir einander stärken. Oft braucht es nicht mehr als ein ehrliches Wort.
Hey, das hast du richtig gut gemacht!
Ich habe grossen Respekt davor, wie du das gemeistert hast!
Ich bin stolz auf dich!
Wertschätzung kostet nichts und hat doch eine unglaublich grosse Wirkung. Sie kann Halt geben, Mut machen und genau dort ansetzen, wo Angst uns klein macht.
Wer schon einmal in einer herausfordernden Situation war, viel Angst ausgehalten hat und am Ende spüren durfte, dass sich alles zum Guten gewendet hat, kennt dieses Gefühl. Diese tiefe Erleichterung. Diese Dankbarkeit. Dieses Glück.
Vielleicht sind es genau diese Momente, die uns zeigen, dass Angst und Vertrauen oft näher beieinander liegen, als wir denken. Wenn wir bereit sind, unseren Blick zu verändern, entsteht Raum. Raum für neue Möglichkeiten, für Entwicklung und für Schritte, die wir uns vorher nicht zugetraut hätten.
Manchmal reicht es, den Fokus leicht zu verschieben, um aus dem Gefühl des Stillstands wieder in Bewegung zu kommen. Und vielleicht ist es genau dieser Perspektivenwechsel, der es uns ermöglicht, Angst wieder in Vertrauen umzuwandeln.
Sonja Ammeter
Dipl. Ernährungs-Coach & Gründerin Sporternährungs-Coach CH



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