Ein Monat ohne Bildschirm – und meine Kinder blühten auf
- 14. Mai
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Kolumne: Wir müssen reden

Es ist ein leidiges Thema: die Bildschirmzeiten von Kindern. Wie viel ist ok? Ab wann wird es schädlich? Die Meinungen innerhalb der Familien gehen weit auseinander, die Wissenschaft ist sich mehr oder weniger einig: Weniger ist mehr. Meine Familie hat ein Experiment gewagt. Einen Monat Verzicht: keine Fernsehzeit, kein sonstiger Bildschirmkonsum, keine Hörspiele. Das Erstaunliche? Die Kinder fanden es super.
Ich werde den Moment nie vergessen, als ich vor einigen Jahren wutentbrannt mit dem Fernseher in den Händen im Wohnzimmer stand und das Gerät zum Fenster rauswerfen wollte. Nur der Gedanke, dass ich die Sauerei auf der Strasse selbst beseitigen müsste, hielt mich davon ab. Stattdessen landete der Bildschirm im Keller.
Vorausgegangen war einmal mehr ein Eklat mit meinen Kindern, als sie den Fernseher ausschalten sollten. Was hatte ich nicht alles schon ausprobiert: von Psychologen empfohlene Methoden, klar definierte Zeitfenster pro Tag oder pro Woche usw. Egal, wie wir es handhabten, am Schluss gab es häufig ein Drama. «Nur noch fünf Minuten. Es ist gerade so spannend.» Oder auch: «Mami, du bist gemein, alle anderen dürfen viel länger schauen.» Irgendwann hatte ich das Gefühl, es dreht sich alles nur noch um diese blöde Bildschirmzeit. Es war eine Never-Ending-Story und ich fühlte mich dem Ganzen seltsam ausgeliefert. Bis wir ein Experiment wagten.
Im März hat sich unsere ganze Familie einen Monat lang in Verzicht geübt: Ich habe auf Süssigkeiten verzichtet. Mein Mann trank keinen einzigen Schluck Alkohol und die Kinder hatten komplettes Bildschirmverbot, obendrauf waren auch Hörspiele tabu. Warum? Dieses ewige Berieseln-Lassen, sei es visuell oder auditiv – ist in meinen Augen eines der Hauptprobleme, warum so viele Jugendliche psychische Probleme haben. Die Wissenschaft bestätigt das. Durch den ständigen Input schüttet unser Hirn laufend Dopamin aus, wir sind in einem dauernden Belohnungsmodus. Je höher die Frequenz dessen, was wir konsumieren, desto mehr brauchen wir davon. Es ist wie eine Sucht. Kinder sind es nicht mehr gewohnt, Langeweile oder schwierige Gefühle auszuhalten.
Ob ein rigoroses Verbot die Lösung ist? Viele Stimmen fordern Verantwortung statt Verbote. Ich bin mir da inzwischen nicht mehr so sicher. Wenn wir Eltern schon Mühe haben, das Handy wegzulegen, wie sollen es die Kinder im Griff haben? Ausserdem käme auch niemand auf die Idee, Kinder Wein trinken zu lassen mit dem Argument, sie müssen den Umgang damit lernen. Bildschirm und Alkohol, beides sind Suchtmittel. Meine Kinder, 8 und 13 Jahre alt, haben weder ein eigenes Handy noch ein Tablet noch irgendwelche Spielkonsolen – und das wird so bleiben, bis sie mindestens 14 sind.
Und unser Familienexperiment hat mir eindrücklich gezeigt: Sobald klar war, dass es kein Rütteln am Verbot für den Monat März gibt, war die Diskussion ein für alle Mal erledigt. Ich hatte mich im Vorfeld auf einen wirklich schwierigen Monat eingestellt.
Nie hätte ich gedacht, dass mein Sohn schon ab dem zweiten Tag anfängt, sich neue Spiele auszudenken. Plötzlich baute er mit bunten Steinen eines Gesellschaftsspiels Burgen. Holte die verstaubten Lego Duplo aus der Kiste und meinte: «Wenn mir jemand sagt, das ist für Babys, dann antworte ich ihm: Egal, ich habe Spass dabei.» Meine Tochter war plötzlich wieder viel öfter draussen anzutreffen. Übte Handstand oder häkelte wie wild. Die Stimmung in unserem Haus war immer noch häufig laut und turbulent – alles andere würde nicht zu uns passen und wäre Schönfärberei. Und dennoch war sie um einiges entspannter.
Was mich am meisten verblüffte: Ich merkte, dass es meinen Kindern nicht nur besser ging, sondern dass sie dies auch selbst so wahrnahmen. Es war, als ob ein Druck von ihnen abgefallen wäre. Als ob sie eine neue Freiheit entdeckt hätten. Als ich vorschlug, dass wir dieses Experiment Ende März nicht gänzlich beenden, sondern unter der Woche weiterführen und nur am Wochenende Ausnahmen machen könnten, meinte mein Sohn voller Überzeugung: «Ja Mami, das will ich auch selbst so, das ist nämlich viel cooler!»
Rachel Honegger
Journalistin, diplomierte Trauerbegleiterin und Mutter



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